Tödlicher Irrtum

RAF - Die Geschichte der Rote Armee Fraktion






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I. KAPITEL:
"DER REVOLUTIONÄRE VERSUCH EINER MINDERHEIT"

Das letzte Attentat

Detlev Karsten Rohwedder trägt schon seinen blauen Pyjama. Er ist barfuß und auf dem Weg ins Bett. Eine halbe Stunde vor Mitternacht: Der Achtundfünfzigjährige steht in seinem Arbeitszimmer, im schummrigen Licht: Eine Vierzig-Watt-Glühbirne beleuchtet den Raum. An der Wand flimmert der Monitor der Kameraanlage, mit der das Grundstück überwacht wird. Auf dem Bildschirm nichts Verdächtiges. Er ahnt nicht, dass ihn jemand aus der Dunkelheit durchs Fenster beobachtet. Durch ein Zielfernrohr. Aus über sechzig Meter Entfernung. Genau davor, dass Rohwedder ins Fadenkreuz der RAF geraten könnte, hatte das Bundeskriminalamt (BKA) vier Monate zuvor gewarnt. Unter anderem aufgrund abgefangener Kassiber von RAF-Häftlingen: In einer Analyse der "Terrorismusbekämpfungs"-Abteilung steht Rohwedders Name neben einunddreißig anderen "potentiell gefährdeten Personen". Die BKA-Beamten haben Rohwedder deshalb "Gefährdungsstufe 2" verordnet - und das bedeutet: "Terroranschlag möglich". In Berlin, dort ist er Chef der Treuhandanstalt, begleiten ihn auf Schritt und Tritt Leibwächter. Zu seinen Terminen wird er in einem gepanzerten S-Klasse-Mercedes chauffiert. In einem Begleitfahrzeug folgen seine Personenschützer. Rund um die Uhr sitzen vor seinem Hotelzimmer im "Westin Grand Hotel" in der Friedrichstraße Polizisten in Zivil. In Düsseldorf aber, wo er zusammen mit seiner Frau wohnt, sind die für ihn getroffenen Schutzmaßnahmen geringer: Nur zu offiziellen Terminen begleiten ihn Leibwächter. Nachts gilt das "Peterwagenprinzip": In unregelmäßigen Abständen fährt ein Streifenwagen am Grundstück Kaiser-Friedrich-Ring 71 vorbei. In die Fenster des Erdgeschosses wurde vorsichtshalber vier Zentimeter dickes schusshemmendes Glas eingesetzt, Schutzklasse "C 3". Nicht aber in der ersten Etage seiner achtzig Jahre alten Patriziervilla. Von hier oben aus dem Arbeitszimmer hat Detlev Karsten Rohwedder einen traumhaften Blick auf den Rhein und die Düsseldorfer Altstadt am anderen Ufer - über die gestutzten Platanen hinweg auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Wenige Meter hinter den Bäumen beginnen die Rheinauen. Oberkassel ist der


Detlev Karsten Rohwedder
feinste Stadtteil Düsseldorfs. Villa neben Villa. Außer Spitzenmanagern wie Rohwedder leben hier am "Prominentenufer" vermögende Anwälte, Ärzte und Architekten: Direkt neben den Rohwedders wohnt Ex-Thyssen-Chef Dieter Spethmann. Objektschützer eines privaten Sicherheitsunternehmens bewachen ihn und sein Haus rund um die Uhr.
Detlev Karsten Rohwedder steht mit dem Rücken zum Fenster. Er will gerade das Licht ausschalten. Schlafen gehen. Ein dumpfer Knall:
 
Eine Gewehrkugel trifft ihn durchs Fenster. Rohwedder schreit vor Schmerz. Seine Frau Hergard (57) stürzt aus dem Schlafzimmer, um zu sehen, was passiert ist. Um zu helfen. Wieder drückt der Scharfschütze ab: Der Schuss trifft die Verwaltungsrichterin in den Arm. Die dritte Kugel schlägt in einem Bücherregal ein. Rohwedder, der 1,92-Hüne, bricht zusammen - Vater von Philippe (25) und Cecilie (22): Die Gewehrkugel hat Aorta, Luft und Speiseröhre zerfetzt. Detlev Karsten Rohwedder verblutet auf dem Boden seines Arbeitszimmers. Ostermontag 1991-1. April. Der RAF ist es wieder einmal gelungen, eine Lücke im Sicherheitssystem zu entdecken - und sie auszunutzen.



Drei Schüsse: Rohwedders Arbeitszimmer
 
Ihr dreiunddreißigster Mord.
Detlev Karsten Rohwedder ist das neunte Mordopfer der so genannten dritten - und letzten - RAF-"Generation".

Keine acht Monate zuvor hatte er den "schwierigsten Job, der in der Wirtschaft zu vergeben ist", übernommen, schrieb der Rheinische Merkur: Im August 1990 war das SPD-Mitglied Vorstandsvorsitzender der Treuhandanstalt in Ost-Berlin


Rohwedders Leiche wird abtransportiert
 
geworden - und damit Deutschlands wichtigster Manager. Sein Vorgänger Reiner Gohlke hatte nach nur fünf Wochen das Handtuch geworfen. Die Aufgabe der Treuhandanstalt ist schwierig: Sie soll achttausend einst volkseigene Betriebe sanieren und privatisieren. Vier Millionen Beschäftigte: Um deren Schicksal geht es. Rohwedder soll dafür sorgen, dass aus den Ruinen des Sozialismus die Marktwirtschaft entsteht. Er ist damit Hoffnungsträger einer ganzen Nation: Für 18 Millionen Menschen in Deutschlands Osten - und für 62 Millionen Menschen in Deutschlands Westen. "Die Aufgabe hier ist anspruchsvoll, schwierig und in dieser Mittellage zwischen Industrie und Politik genau nach meinem Geschmack", erklärte Rohwedder zwei Monate vor seinem Tod in einem Spiegel-Gespräch.

Doch der Wind dreht sich schnell: Für nicht wenige Ostdeutsche wandelt sich "Treuhand" zu einem Reizwort: Treuhand-Betriebe werden geschlossen, Mitarbeiter entlassen. Zehntausende demonstrieren in Berlin und Leipzig. Auf ihren Transparenten steht "Treuhand - Sterbehilfe". "Treuhand: Kein Ausverkauf des Ostens". Und "Enteignet die Treuhand". In Berlin verbrennen Demonstranten eine Strohpuppe. Ihr haben sie einen Zettel angeheftet: "Rohwedder". "Ich fühle mich als Buhmann der Nation", sagt Rohwedder im privaten Kreis im März 1991.
Bevor sich Detlev Karsten Rohwedder auf den Chefsessel der Treuhandanstalt setzte, war er Vorstandsvorsitzender der Hoesch-AG mit 43000 Mitarbeitern. Davor Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium: 1969 hatte ihn der SPD-Wirtschaftsminister Karl Schiller geholt, auch unter dem Wirtschaftsminister Helmut Schmidt und den FDP Wirtschaftsministern Hans Friderichs und Otto Graf Lambsdorff behielt er diese Position:
 
Die Minister schätzten - parteiübergreifend - seine ungeheure Arbeitsdis-ziplin und schnelle Auffassungsgabe. Nach zehn Jahren -1979 - wechselt er zu Hoesch. Vier Jahre später kürt ihn das Industriemagazin zum "Manager des Jahres". Rohwedder versteht seinen Posten bei der Treuhand als "Aufgabe seines Lebens": Er kam aus dem Osten -

    Rohwedders Leiche wird abtransportiert
 
1932 wurde er in Gotha geboren. Als Sohn eines Buchhändlers. Nun wollte er dort - nach seinen beruflichen Erfolgen im Westen die marode Wirtschaft wieder in Schwung bringen.

Am Morgen nach Rohwedders Tod findet die Polizei in einem Schrebergartengelände in den Rheinauen zwischen Holundersträuchern und Kirschbäumen einen Gartenstuhl und ein blaues Frotteehandtuch - am Abend zuvor herrschte Nieselregen. Daneben liegt eine "Vorab-Meldung" der RAF, beschwert mit einem Fernglas: Elf Zeilen Phrasen unter der Überschrift "WER NICHT KÄMPFT, STIRBT AUF RATEN FREIHEIT IST NUR MÖGLICH IM KAMPF UM BEFREIUNG". Genau von dieser Stelle aus schoss der Mörder, rekonstruieren BKA-Beamte mit roten Laserstrahlen in der nächsten Nacht: Aus einer Entfernung von dreiundsechzig Metern. "Ein mörderisches Meisterstück", urteilt ein BKA-Beamter am Tatort. Trotz der sofort eingeleiteten Großfahndung: keine Spur von den Tätern.
Fünf Tage nach dem Mord trägt der Postbote eine Sechs-Seiten-Erklärung in das Bonner Büro der Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP). Das RAF-"Kommando Ulrich Wessel" erklärt, warum es Detlev Karsten Rohwedder ermordete - wie die meisten RAF-Killerkommandos hat es sich den Namen eines "gefallenen" Genossen gegeben: "die krönung von rohwedders karriere sollte seine funktion als bonner statthalter in ost-berlin sein.": "in den 80-er jahren machte sich rohwedder als chef des hoesch-konzerns einen namen als brutaler sanierer. er hat bei hoesch in wenigen Jahren mehr als 2/3 aller

WER NICHT KÄMPFT STIRBT AUF RATEN -

FREIHEIT IST NUR MÖGLICH IM KAMPF UM BEFREIUNG

wir haben am 1.4.1991 mit dem kommando ulrich wessel den chef der berliner treuhandanstalt detlev karsten rohwedder erschossen.

Rohwedder saß seit zwanzig jahren in schlüsselfunktionen in politik und wirtschaft

RAF-Selbstbezichtigungsschreiben nach dem Rohwedder-Mord (Ausschnitt)



arbeiterInnen rausgeschmissen und den bankrotten konzern zu neuen profitraten geführt". Die RAF hofft auf Sympathien in den neuen Ländern.
Behauptungen, durch die "die ganze politische Erbärmlichkeit der RAF illustriert wird", kommentiert Walter Jakobs die RAF-Kommando-Erklärung in der taz, die gewiss nicht im Verdacht steht, einen Mann der Wirtschaft über den grünen Klee zu loben: "Tatsächlich hat Rohwedder bei Hoesch nicht einen einzigen Stahlarbeiter >rausgeschmissen<. .., Mit seinem Sanierungskurs rettete er Hoesch vor der Pleite, sicherte über 10 000 Arbeitsplätze und sorgte in Zusammenarbeit mit den Betriebsräten, der IG Metall und mit Unterstützung der Bundesregierung dafür, dass niemand entlassen wurde. Stattdessen schieden die älteren Arbeitnehmer Jahr für Jahr über den Sozialplan, der bis zur Rente 90 Prozent des Nettoeinkommens garantierte, frühzeitig aus. So wurde der Belegschaftsabbau geschafft, ohne dass auch nur ein einziger Hoesch-Beschäftigter in die Arbeitslosigkeit entlassen worden wäre."
Bundeskanzler Helmut Kohl ist über den Mord "tief erschüttert" und urteilt über den SPD-Mann: "Ich selbst verdanke ihm wertvollen Rat." Bundesjustizminister Klaus Kinkel - lange Jahre Staatssekretär im Bundesjustizministerium und dort für das "Thema RAF" federführend zuständig - erklärt resigniert: "Wir müssen klipp und klar sagen, dass es uns nicht gelungen ist, an die Täter heranzukommen." Zur RAF-Spitze gehörten "schätzungsweise fünfzehn bis zwanzig Personen", fährt der Bundesjustizminister fort: Er müsse aber "ganz offen einräumen, dass die uns im Einzelnen nicht bekannt sind". So deutlich wie er hat zuvor noch kein Politiker und auch kein Strafverfolger erklärt, dass die Sicherheitsbehörden so gut wie nichts über die RAF-Leute wissen.

Ein Jahrzehnt lang konnten die Ermittler kaum mehr über den Rohwedder-Mord herausfinden als das, was sie am Tatort entdeckten. Trotz über eintausend Spuren, denen sie nachgingen: Sie wissen immer noch nicht, wie viele Täter an dem Mord beteiligt waren - "zwischen einem und fünf ist alles plausibel", sagt ein Ermittler. Sie wissen auch nicht, wie dem Täter oder den Tätern die Flucht gelang, trotz der sofort eingeleiteten Ringfahndung - ob zu Fuß, per Fahrrad, mit einem Motorrad, in einem Auto, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder gar mit einem Boot über den Rhein. "Nichts können wir ausschließen", sagt der BKA-Mann. Auch die Suche der Polizeitaucher im Rhein nach der Tatwaffe, einem Nato-Gewehr, blieb vergeblich: Die BKA-Beamten hatten gehofft, der oder die Mörder Rohwedders hätten die Waffe in den Rhein geschmissen. Ein "perfektes Verbrechen", fast jedenfalls - so auch noch heute die Sicht der Ermittler.
Nur in einem einzigen Punkt kamen die BKA-Beamten bislang weiter - zehn Jahre nach dem Rohwedder-Mord. Im April 2001 gelingt es ihnen, einen der mutmaßlichen Täter zu ermitteln: durch eine neue Untersuchungsmethode für den "genetischen Fingerabdruck", die "DNA-Analyse". Mit dieser neuen Methode können sie auch bei "telogenen" Haaren im Labor feststellen, von wem sie stammen. "Telogene" Haare sind ausgefallene Haare - im Gegensatz zu ausgerissenen: Ein solches ausgefallenes Haar klebte an dem Handtuch, das die Täter in dem Kleingarten zurückließen. Es stammt "zweifelsfrei" von Wolfgang Grams, finden Wissenschaftler des Bundeskriminalamts heraus. Der aber ist bei Vorliegen des Laborergebnisses schon seit acht Jahren tot. Er starb 1993 nach einem Feuergefecht mit GSG 9-Beamten, die ihn auf dem Bahnhof von Bad Kleinen in der Nähe von Schwerin verhaften wollten.

Der tödliche Schuss auf Detlev Karsten Rohwedder ist der vorletzte Mord der RAF: einer von vierunddreißig. Eine Blutspur, die sich über zwanzig Jahre durch Deutschland zieht. Erstes Opfer war der Zivilfahnder Norbert Schmid (31). Am 22. Oktober 1971 erschoss ihn ein RAF-Mitglied in Hamburg. Bis heute ist sein Mörder nicht überführt. Letztes Opfer der RAF ist zweiundzwanzig Jahre später der GSG 9 Kommissar Michael Newrzella (25): Wolfgang Grams erschoss ihn 1993 in Bad Kleinen.


Die RAF verabschiedet sich mit Grüßen

Fünf Jahre nach der Schießerei in Bad Kleinen trifft am 20. April 1988 ein Schreiben bei der Nachrichtenagentur Reuters in Köln ein. Acht Seiten. Absender: "Rote Armee Fraktion", Eine "Selbstauflösungserklärung": "Vor fast 28 Jahren, am 14. Mai 1970, entstand in einer Befreiungsaktion die RAF. Heute beenden wir das Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte", schreiben die Verfasser: "Die RAF war der revolutionäre Versuch einer Minderheit - entgegen der Tendenz dieser Gesellschaft - zur Umwälzung der kapitalistischen Verhältnisse. Wir sind froh, Teil dieses Versuches gewesen zu sein. Das Ende des Projekts zeigt, dass wir auf diesem Weg nicht durchkommen konnten." Beispiel: "Es war ein strategischer Fehler, neben der illegalen, bewaffneten keine politisch-soziale Organisation aufzubauen." Fazit: "Das Ergebnis kritisiert uns."
Zum Schluss der acht Seiten folgen "Grüße": "Wir möchten in diesem Moment unserer Geschichte alle grüßen und ihnen danken, von denen wir auf dem Weg der letzten 28 Jahre Solidarität bekommen haben", schreiben die Absender - und: "Wir wollen heute besonders an alle erinnern, die sich hier dafür entschieden, im bewaffneten Kampf alles zu geben und in ihm gestorben sind." Es folgen die Namen von sechsundzwanzig Menschen, die den "bewaffneten Kampf" mit dem eigenen Leben bezahlten: Von Petra Schelm - die im Juli 1971 als erstes RAF-Mitglied bei einem Schusswechsel mit der Polizei in Hamburg getötet wurde - über Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Andreas Baader - die sich in der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim das Leben nahmen - bis hin zu Wolfgang Grams, der zweiundzwanzig Jahre nach Petra Schelm als letztes Mitglied der RAF 1993 den Weg in den Untergrund mit dem Tod bezahlte.
Das Schreiben mit den freundlichen Grüßen: - ein schlechter Scherz? Oder tatsächlich ein - letztes - RAF-Schreiben: Hat die Rote Armee Fraktion das Morden nach fast dreißig Jahren endgültig aufgegeben?

Ein Polizeiwagen bringt das Acht-Seiten-Papier nach Meckenheim bei Bonn: Hier sitzt die Abteilung "Polizeilicher Staatsschutz (ST)" des Bundeskriminalamts in einem fünfstöckigen Hochhaus. Kriminalwissenschaftler in Wiesbaden nehmen das Schreiben unter die Lupe. Das eingescannte Logo auf der letzten Seite ist authentisch: ein roter fünfzackiger Stern, acht Zentimeter groß. Davor eine Maschinenpistole und der Schriftzug "RAF". Dieses "Siegel" befindet sich seit Jahren am Ende aller RAF-Erklärungen: früher ein Stempel, später auf Papier gedruckt. Aus einer Druckserie. Sozusagen das Briefpapier der RAF. Der "Lordsiegelbewahrer" - wie ihn die "Terroristenfahnder" nennen - muss also das "Siegel" zur Verfügung gestellt, wenn nicht gar selbst bei der "Auflösungserklärung" mitgemacht haben. Es ist dasselbe Logo wie bei den Selbstbezichtigungsschreiben nach den Morden an von Braunmühl, Herrhausen, Rohwedder und den Anschlägen auf Innenstaatssekretär Neusel und die US-Botschaft in Bonn.
Außerdem stimmen Aufmachung und Diktion mit früheren RAF- Schreiben überein. Keine Frage für die Beamten: Das Schreiben ist authentisch, stammt von der RAF. "Ich vermisse allerdings in den umfangreichen Ausführungen auch nur ein Wort des Bedauerns", erklärt der Präsident des Bundeskriminalamts Ulrich Kersten, "für die über 30 Menschen, die durch Straftaten der >RAF< getötet wurden".
Also, die Selbsterkenntnis der Mörder: Das RAF-Projekt - im Ergebnis ein Irrtum. Ein tödlicher. Für einundsechzig Menschen. Vierunddreißig RAF-Opfer und siebenundzwanzig "bewaffnete Kämpfer".

Die RAF hat diese Republik verändert. Milliarden wurden für Sicherheitsvorkehrungen von Politik und Wirtschaft ausgegeben. In viele Behörden, Gerichte und große Unternehmen kommt man heute nur noch nach einer strengen Sicherheitskontrolle hinein. Spitzenpolitiker fahren in gepanzerten - "sondergeschützten" - Limousinen durchs Land. Steigen sie aus, werden sie von Leibwächtern abgeschirmt. Mehr "Bürgernähe" der Politiker, die sich viele wünschen, ist so kaum möglich. Dutzende neue Vorschriften ergingen im "gesetzgeberischen Kampf" gegen die RAF, die aber alle Bürger betreffen. Nach dem Ende der RAF-Ära wurden sie nicht gestrichen. So zum Beispiel das Verbot der "Mehrfachverteidigung" in Strafverfahren: Ein Anwalt darf danach nur einen Angeklagten verteidigen. Wird beispielsweise ein Rentnerehepaar angeklagt, im Supermarkt gemeinsam eine Tafel Schokolade gestohlen zu haben, können sich die beiden nicht denselben Verteidiger nehmen. Ebenso als Reaktion auf die RAF erging die Vorschrift, nach der in einem Strafverfahren der Angeklagte nicht mehr als drei Verteidiger haben darf. Das schränkt die Möglichkeiten des Angeklagten in komplizierten Strafverfahren erheblich ein, wenn es um mehrere diffizile Rechtsgebiete geht. Beispielsweise in umfangreichen Wirtschaftsstrafprozessen. Etwa wenn Spezialwissen im Bilanzsteuer-, Gesellschafts-, EU-Subventions-, Insolvenz- und Strafprozessrecht erforderlich ist.

Die "Abschiedserklärung" ist tatsächlich das letzte Schreiben der RAF. Seither hat sie nichts mehr von sich hören lassen. Auch ansonsten ist sie nicht mehr in Erscheinung getreten. Auf und davon. Spurlos verschwunden.
Drei Jahrzehnte lang hielt die RAF Polizei und Verfassungsschutz in Atem. Tausende Beamte fahndeten fieberhaft nach ihren Mitgliedern. Mittlerweile hat selbst das Bundeskriminalamt, das im Auftrag der Generalbundesanwälte Martin, Buback, Rebmann, von Stahl und Nehm federführend für die RAF-Fahndung war beziehungsweise ist, seine "Terrorismusfahndung-Abteilung" aufgelöst. Mit der RAF-Vergangenheitsbewältigung befassen sich heute in der "Staatsschutz-Abteilung" nur noch fünfzehn Beamte - und das auch nur zeitweise: Sie versuchen, noch rund ein Dutzend weit über ein Jahrzehnt zurückliegende RAF-Morde aufzuklären. Wie zum Beispiel die an Detlev Karsten Rohwedder und Alfred Herrhausen.

Die RAF ist Geschichte. In diesem Punkt hat die RAF Wort gehalten. Vieles von ihrer Geschichte aber liegt noch immer im Dunkeln. Wie zum Beispiel weitgehend, wer die Mörder der neun Menschen sind, die von der dritten RAF-"Generation" zwischen 1885 und 1991 umgebracht wurden. Nur der zehnte Mord ist geklärt, der Tod des GSG 9-Beamten Michael Newrzella 1993.


Die Bilanz des Terrors

Die nackten Zahlen der Bilanz des RAF-Terrors sind ohnegleichen in der deutschen Kriminalgeschichte: Neben den einundsechzig Toten wurden zweihundertdreißig Menschen zum Teil schwer verletzt - auf beiden Seiten. Der von der RAF verursachte Sachschaden beläuft sich auf fünfhundert Millionen Mark - nach heutiger Rechenweise über zweihundertfünfzig Millionen Euro. Bei mindestens einunddreißig Banküberfällen erbeutete die RAF sieben Millionen Mark. Dreieinhalb Millionen Euro.
104 konspirative Wohnungen der RAF entdeckte die Polizei im Laufe der Jahre - und 180 von der RAF gestohlene Kraftfahrzeuge. Dabei ist zu sehen, dass eine Reihe von konspirativen Wohnungen nicht aufflog, wie sich die Ermittler sicher sind. Denn die RAF setzte stets alles daran, ihre heimlichen Wohnungen rechtzeitig zu "cleanen", damit man ihr nicht auf die Schliche kam. Faustformel der Ermittler: Nur jede zweite Wohnung wurde von der Polizei entdeckt. Und seit 1885 tatsächlich überhaupt keine mehr. Auch viele von der RAF gestohlene Autos konnten ihr nicht zugeordnet werden, da sie die Fahrzeuge irgendwo am Straßenrand stehen ließ und diese Fälle daher - in Unkenntnis der tatsächlichen Umstände - lediglich unter "Unbefugter Gebrauch von Kraftfahrzeugen" in der Statistik erfasst wurden. Ebenso gibt es bei den Banküberfällen ein erhebliches "Dunkelfeld", sind sich Fahnder sicher.
Im Laufe der Zeit wurden über eintausend Menschen rechtskräftig verurteilt, weil sie der RAF zur Seite standen - so die vom ehemaligen BKA-Chef Horst Herold "fortgeschriebene" Bilanz: 517 wegen Mit- gliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, 914 wegen deren Unterstützung.
In den Asservatenkammern der Polizei und Staatsanwaltschaften stapelten sich RAF-Materialien. Eine Million Gegenstände von RAF-Mitgliedern landeten dort im Laufe der Jahre: Ausweise, Geld, Gewehre und Pistolen, Munition, Sprengstoff, Briefe, Selbstbezichtigungsschreiben, Merkzettel, Stadtpläne, in denen "Angriffsziele" markiert sind, und vieles mehr.
Die Ermittlungsakten von Polizei, Staatsanwaltschaften und Bundesanwaltschaft umfassen elf Millionen Blatt Papier. Die Urteile der Gerichte gegen RAF-Täter und Mitglieder füllen Zehntausende Seiten.


Drei "Generationen"

Geht es um das Phänomen "Rote Armee Fraktion", ist meist von "Generationen" die Rede. Dabei ist jedoch die Einteilung - wer gehört zu welcher "Generation"? - nicht immer einheitlich. In diesem Buch wird der Begriff der "Generation" benutzt, um Phasen mit im Wesentlichen ideologischen Gemeinsamkeiten und identischen Zielen zusammenzufassen. Danach sind drei "Generationen" zu unterscheiden:

Die erste "Generation" verfolgte in den Jahren 1970 bis 1972 die Absicht, durch Anschläge die "Massen" zu mobilisieren und zu einer Revolution in Deutschland zu motivieren. An ihrer Spitze standen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und zeitweise auch Horst Mahler. Ihre Mitglieder waren 1972 verhaftet.

Die zweite "Generation" hatte zunächst im Wesentlichen das Ziel, die inhaftierten RAF-Mitglieder aus den Gefängnissen freizupressen. Ihre Aktivitäten gipfelten im "Terrorjahr" 1977: Die RAF ermordete unter anderen Generalbundesanwalt Siegfried Buback, den Vorstandssprecher der Dresdner Bank Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Nachdem die Bundesregierung bei der Schleyer-Entführung unnachgiebig eine Freilassung von RAF-Häftlingen abgelehnt hatte und sich Baader, Ensslin und Raspe im Oktober 1977 in der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim das Leben nahmen, ließ die zweite "Generation" das Ziel "Gefangenenbefreiung" fallen. Sie verübte noch einzelne Anschläge: Zum Beispiel auf Nato-Oberbefehlshaber Alexander Haig im Juni 1979 mit einer Bombe unter der Fahrbahn und auf US-General Frederick Kroesen im September 1881 mit einer Panzerfaust. Schlüsselfiguren dieser zweiten "Generation" sind Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar und Peter-Jürgen Boock. Anfang der achtziger Jahre waren ihre Mitglieder weitgehend verhaftet - mit Ausnahme der zehn, die ab 1880 in der DDR untertauchten.

1884 formierte sich die dritte "Generation"; Sie verübte gezielt Anschläge auf Topmanager, Spitzenbeamte und auf Gebäude. Wie zum Beispiel auf die Botschaft der Vereinigten Staaten in Bonn. Stets begleitet von Erklärungen, in denen sie ihre "revolutionären" politischen Ziele darlegte, in der irren Hoffnung auf Zustimmung in der Bevölkerung: gegen den "kurs des internationalen kapitals" (Selbstbezichtungsschreiben nach dem Beckurts-Mord), gegen "die politik der westeuropäischen staaten im gesamtsystem" (nach dem Von-Braunmühl-Mord), gegen die "spitze der faschistischen kapitalstruktur" (nach dem Herrhausen-Mord), für die "ZUSAMMENLEGUNG ALLER POLITISCHEN GEFANGENEN IN WESTEUROPA" (nach dem Anschlag auf die US-Botschaft in Bonn) und gegen die "reaktionäre entwicklung" in "großdeutschland" (nach dem Rohwedder-Mord).
Den ersten Mord begeht diese dritte "Generation" am 1. Februar 1885: In seinem Haus in Gauting in der Nähe des Starnberger Sees überfallen die Täter Ernst Zimmermann. Den Vorstandsvorsitzenden von MTU, der Maschinen- und Turbinen-Union. Seine Mörder bringen ihn ins Schlafzimmer und erschießen ihn. Ein gezielter Schuss in den Hinterkopf. Weitere neun Menschen werden von dieser "Generation" erschossen oder in die Luft gesprengt. Unter anderen Karl Heinz Beckurts, Siemens-Vorstandsmitglied, sein Fahrer Eckhard Groppler, Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, und Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder.
Nach vierzehn Jahren,1988, erklärt die dritte "Generation" das RAF-, Projekt für beendet. Nur zwei Mitglieder, die an Anschlägen beteiligt waren, wurden bislang verurteilt, und zwei, die mutmaßlich mitmischten, bei Schusswechseln mit der Polizei getötet. Der Rest: ungeklärt. Die Mörder leben unerkannt unter uns.

Die Anfänge dieses vor der Jahrtausendwende für gescheitert erklärten "RAF-Projekts" reichen weit zurück. Bis in die sechziger Jahre - als der tödliche Irrtum begann.


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